Spektrum der Wissenschaft: Seit wann gibt es Haushunde?
Genetische Untersuchungen an Haushunden lassen vermuten, dass Wölfe bereits vor über 100 000 Jahren domestiziert worden sein könnten. Der hier in Auszügen wiedergegebene Beitrag von Adelheid Stahnke erschien unter dem Titel Hunde fast so alt wie der moderne Homo sapiens? in Spektrum der Wissenschaft der Ausgabe 11/1997.
Spektrum der Wissenschaft: Seit wann gibt es Haushunde?
Der Hund ist eines der ältesten Haustiere und wurde nach bisherigen Vorstellungen vor rund 10 000 bis 15 000 Jahren zum Gefährten des Menschen. Zumindest gibt es aus dieser Zeit erstmals Fossilien, die bereits deutlich anders aussehen als Knochen und Zähne von Wölfen. Und da die frühesten solchen Funde aus jenen Regionen im südwestlichen Asien stammen, wo damals die seßhafte Lebensweise aufkam, nimmt man an, daß die Domestikation des Hundes erst stattfand, als Äcker, feste Wohnstätten und Viehherden zu behüten waren.
Wenig später tauchten Haushunde auch in anderen Regionen der Welt auf, beispielsweise in Nordeuropa und in Amerika. Wegen der selbst für ein Haustier ungewöhnlichen Vielfalt an Formen und Rassen war die Abstammung lange unsicher. So vermuteten manche Wissenschaftler, daß außer dem Wolf auch Schakale oder in Amerika Kojoten ihr Erbgut beigemischt haben könnten. Dem widersprechen allerdings anatomische Vergleiche aus neuerer Zeit.
Eine andere umstrittene Frage ist, was einst die treibende Kraft dafür war, daß Wölfe genetisch, körperlich und im Verhalten zu handhabbaren, gefügigen Hausgenossen wurden. Die meisten anderen Arten scheint der Mensch selbst durch Zucht und Auslese seinen Zwecken allmählich dienstbar gemacht, sie sozusagen in sein Hauseigentum überführt zu haben (gemäß dem spätlateinischen domesticatio); und so könnte es durchaus sein, daß er auch Wolfswelpen aufzog, zähmte und später weiterzüchtete. Doch genausogut wäre denkbar, daß Wölfe von allein Anschluß an menschliche Horden und Siedlungen suchten – vielleicht weil sie dort Futter fanden – und daß die am wenigsten schreckhaften und vorsichtigen Tiere, die in dieser Umwelt am leichtesten zurechtkamen, sich an den neuen Lebensraum anpaßten.
Schließlich ist nicht klar, ob die Domestikation des Hundes ein einziges Mal stattfand oder mehrfach zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Regionen, und ob sich auch später vielleicht noch manchmal Wölfe eingekreuzt haben oder absichtlich eingekreuzt wurden.
Vor allem diesen beiden Fragen galt eine umfangreiche genetische Studie, deren teils verblüffende weitere Ergebnisse kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift „Science" veröffentlicht wurden (Band 276, Seite 1687). Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern haben Charles Vilà und Robert K. Wayne von der Universität von Kalifornien in Los Angeles aus Haar-, Gewebe- und Blutproben von je rund 150 Wölfen und Hunden anhand einer kurzen Erbsequenz Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse erschlossen.
Wie erwartet, fanden sich tatsächlich keine Anzeichen für eine andere Abstammung des Hundes als vom Wolf. Überraschender ist aber der Stammbaum selbst. Die genetischen Proben stammten von Wolfspopulationen aus der ganzen Welt (Wölfe sind – beziehungsweise waren – über fast ganz Eurasien und Nordamerika verbreitet) sowie von 67 der rund 400 heutigen Hunderassen und -zuchtlinien, darunter so alten wie den australischen Dingos, die praktisch fast wilde Hunde sind, oder von afrikanischen und indianischen Zuchten.
Demzufolge hat offenbar zwar einst zweimal eine Domestikation unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen mit Wölfen getrennter Populationen stattgefunden. Die eine dieser beiden Linien scheint sich aber unter heutigen Hunden kaum durchgeprägt zu haben. Somit gehen die meisten unserer bellenden Hausgenossen wie auch die Dingos auf eine einzelne, sehr alte Linie zurück, die sich sehr früh von einer bestimmten Wolfspopulation abgespalten haben muß. In vielen Hunderassen finden sich allerdings auch Anzeichen für nachträgliche Einkreuzungen von Wölfen in genetisch schon veränderte Linien. Bei Deutschen Schäferhunden beispielsweise gab es Hinweise auf eine nähere Wolfsverwandtschaft, aber unter anderem auch bei Zwergpudeln. Solche späteren Einträge genetischen Materials, das vor allem aus Südosteuropa zu stammen scheint, könnten nach Ansicht der amerikanischen Forscher den Genpool des Haushunds vergrößert und zu seiner heutigen Vielfalt beigetragen haben.
Die verglichene Erbsequenz trat bei den Wolfspopulationen in 27 Varianten auf. Auch die Hunde zeigten eine große Variationsbreite: Bei ihnen fanden die Forscher von dem betreffenden Erbabschnitt immerhin 26 verschiedene Typen – eine erstaunlich hohe Zahl für ein Haustier; denn an sich fördert die gezielte Inzucht den Domestikationsprozeß. Insgesamt betrachtet, waren die Varianten der Hunde jedoch deutlich verschieden von denen der Wölfe.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Unterschied. Während sich bei den Wölfen die 27 Varianten gut den einzelnen Verbreitungsgebieten zuordnen ließen, also die regionale Verteilung widerspiegelten, sortierten sich die 26 Typen der Hunde keineswegs nach ähnlichen oder mutmaßlich nahe verwandten Rassen, sondern waren bunt gemischt. So hatten manche Tiere aus hochmodernen Zuchtlinien den gleichen Typ geerbt wie einige uralte; ein Husky – ein sibirischer Schlittenhund – etwa wies dieselbe Sequenz auf wie Dingos. Eine andere Variante kam sowohl beim Deutschen Schäferhund und beim Riesenschnauzer als auch bei Terriern und beim Papillon vor, einem aus Zwergspaniels gezüchteten Schoßhund. Bezüglich des betrachteten Abschnitts der Erbsubstanz waren viele Hunderassen also durchaus keine reinen Linien. Bei den acht untersuchten Schäferhunden etwa gab es fünf teilweise sehr verschiedene Sequenzen und bei sechs Golden Retrievern vier.
Hierzu muß man allerdings wissen, daß in der Studie nicht reguläres Erbmaterial aus dem Zellkern, sondern ein Abschnitt des Erbguts von Mitochondrien verglichen wurde. Diese Zellorganellen enthalten gleichfalls DNA, die aber nicht wie die des Zellkerns von beiden Eltern stammt und deshalb auch nicht nach bestimmten Regeln jeweils neu verteilt und vermischt wird; vielmehr erbt man sie nur von der Mutter. Eben das machen sich Genetiker in solchen Analysen zunutze, die seit einigen Jahren für Stammbaumrekonstruktionen regelrecht Mode geworden sind. Auch für menschliche Populationen hat man solche Herkunftsanalysen angestellt.
Anhand der weiblichen Linien läßt sich die Abstammung vergleichsweise sauber zurückverfolgen. Indem man Sequenzen von mitochondrialen DNA-Abschnitten analysiert, die für Lebensfunktionen offenbar unwichtig sind, so daß Mutationen darin dem Individuum nicht schaden, kann man – durch schlichtes Zählen solcher Abweichungen – außerdem Evolutionsabstände messen. Da die Mutationsraten ziemlich konstant zu sein scheinen, sollten mehr Divergenzen gegenüber einer Vergleichssequenz eine größere evolutive Entfernung bedeuten, und das heißt einen größeren Zeitabstand seit der Trennung.
Unter diesem Aspekt ergab die Analyse völlig überraschend einen wesentlich früheren Schätzwert als den oben genannten für den mutmaßlichen Zeitpunkt, als die Hunde sich von den Wölfen abspalteten. Demnach könnte sich die Trennung schon vor mehr als 100 000 Jahren vollzogen haben; damit wäre der Hund sehr viel früher domestiziert worden als nach heutigem Wissen jedes andere Haustier. Auch wenn manche Experten Zweifel an dieser Datierung angemeldet haben, so sind sich Vilà und Wayne doch sicher, daß die Assoziation des Hundes mit dem Menschen zumindest deutlich früher begonnen haben muß als bisher angenommen. Zwar ist die Geschwindigkeit der molekularen Uhr für Mutationen in Mitochondrien nur ungefähr bekannt, weswegen die Berechnungen eine gewisse Schwankungsbreite haben; doch Erfahrungen mit gleichen Daten von anderen Stammbäumen machen die Folgerung wahrscheinlich. (…)
Copyright: Spektrum der Wissenschaft, 1997, H. 11, S. 25.