Domestikation (Biologie)
1. EINLEITUNG Domestikation (Biologie), allmähliche Umwandlung von Wildtieren in Haustiere durch den Menschen. Sehr verschiedene Tiere wurden im Verlauf der Geschichte zu Haustieren und über viele Generationen hinweg gehalten. Dabei wurden die unter natürlichen Bedingungen herrschenden Selektionsfaktoren durch künstliche Faktoren ersetzt, wodurch Haustiere ausgeprägte Unterschiede zu ihren wild lebenden Vorfahren entwickelt haben.
2. PROZESS
DER DOMESTIKATION
Entscheidend für den Prozess der
Domestikation ist der Ersatz der natürlichen Selektion durch eine künstliche.
Unter natürlichen Bedingungen wirkt die Selektion stabilisierend, da an die
Umweltbedingungen nicht optimal angepasste Individuen sich in geringerem Maße
fortpflanzen als optimal angepasste. Die genetisch bedingte Variationsbreite der
Population wird dadurch verringert. Durch Hege der Tiere werden für sie
selektiv wirksame bedrohliche Situationen wie Nahrungsmangel und Feinddruck
abgemildert, womit die stabilisierende Wirkung der Selektion entfällt und die
gesamte genetische Variationsbreite innerhalb der Haustierpopulation ausgeprägt
werden kann. Durch die vom Menschen ausgeübte künstliche Zuchtwahl nach
verschiedenen, dem Menschen nutzbringenden Eigenschaften wird eine künstliche
Selektion ausgeübt, die für Wildtiere ungünstige Eigenschaften fördern kann.
Bei Anwendung verschiedener Richtlinien zur Zuchtwahl innerhalb einer
Haustierart (z. B. Milchleistung und Fleischertrag bei Rindern) kommt es
zur Etablierung verschiedener Rassen. Die große Variationsbreite innerhalb
einer Haustierpopulation unterstützt diesen Prozess, so dass die Rassenbildung
bei Haustieren stark beschleunigt ist.
Als Domestikationserscheinungen
bezeichnet man Merkmale, die bei Haustierrassen durch mangelnden Selektionsdruck
entstehen. Häufige Domestikationserscheinungen sind: Verlust der zur Tarnung
dienenden Färbung, die so genannte „Holländerscheckung" mit vorne und
hinten dunklem und in der Mitte hellem Haarkleid, Hängeohren und eine
Verkürzung des Gesichtsschädels. Es kommt zu verschiedenen degenerativen
Erscheinungen wie Verringerung des Hirngewichts um circa 20 bis 30 Prozent
sowie Rückbildung der Hirnfurchung und Änderungen des Hormonhaushalts und
Instinktverhaltens. Diese Erscheinungen sind bereits bei der ersten Generation
von Zootieren zu beobachten.
3. GESCHICHTE
DER DOMESTIKATION
Als ältestes Nutztier gilt das
Schaf, von dem 11 000 Jahre alte Überreste in einer Höhle im
Nordirak gefunden wurden. Sehr bald folgten Ziege und Schwein und vor
9 000 Jahren das Rind. Verschiedene Wildtierarten wurden parallel an
verschiedenen Orten zu Haustieren gemacht. So wurde der Auerochse in
Mitteleuropa und im Vorderen Orient zur gleichen Zeit domestiziert. In Asien
trat anstelle des dort nicht vorkommenden Auerochsen der Yak, der Banteg und der
Gaur.
Der Hund trat vor mindestens
14 000 Jahren als domestizierter Wolf auf. Er war das erste Haustier
mesolithischer Jäger und Sammler und zeigte zu diesem Zeitpunkt bereits
ausgeprägte Domestikationsmerkmale, wie stark variierende Größe und eine
Verkürzung des Gesichtsschädels. Vorstellbar ist, dass als Köder gefangene
Jungtiere durch das interspezifische Kindchenschema Fürsorgeinstinkte
auslösten und daher gepflegt und großgezogen wurden. Die mögliche Fell- und
Fleischnutzung des Hundes trat durch sein instinktives Sozialverhalten in den
Hintergrund. Seine Prägbarkeit und damit einhergehende Anpassungsfähigkeit
ließ ihn für den Menschen als Beschützer und Jagdbegleiter wertvoll werden.
Verfasst von:
Harald Meimberg