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Charles Darwin: Haushunde

Darwin erforschte nicht nur die Stammesgeschichte wild lebender Tierarten, sondern er untersuchte auch die überaus vielfältigen Formen der Haustiere. Er zweifelte, ob es jemals möglich sein würde, den Ursprung der Haushunde sicher zu bestimmen (dies gelang in neuester Zeit mit Hilfe genetischer Untersuchungen). Zwar stimmt die von Darwin favorisierte These, dass die Haushunde auf nur eine Spezies (den Wolf) zurückgehen, Darwin hielt jedoch eine seit langem ausgestorbene Stammform des Haushundes für möglich.

 

 

Charles Darwin: Haushunde

Der erste und hauptsächlichste Punkt von Interesse in diesem Capitel ist der, ob die zahlreichen domesticirten Varietäten des Hundes von einer einzigen oder von mehreren wilden Arten abstammen. Einige Zoologen glauben, dasz alle vom Wolf oder vom Schakal oder von einer unbekannten und ausgestorbenen Art abstammen; andere wiederum glauben, und dies ist neuerdings die beliebte Ansicht, dasz sie von mehreren ausgestorbenen sowohl, als jetzt lebenden Arten abstammen, die sich mehr oder weniger mit einander vermischt haben. Wir werden wahrscheinlich niemals im Stande sein, ihren Ursprung mit Sicherheit zu bestimmen. Die Palaeontologie wirft nicht viel Licht auf diese Frage. Dies hängt auf der einen Seite von der groszen Ähnlichkeit der Schädel sowohl der ausgestorbenen als der lebenden Wölfe und Schakale, auf der andern Seite von der groszen Unähnlichkeit der Schädel der verschiedenen Rassen domesticirter Hunde ab. Man scheint aber in den neueren Tertiärlagern Überreste gefunden zu haben, die mehr einem groszen Hunde als einem Wolfe angehören dürften, und dies unterstützt die Ansicht BLAINVILLE’S, dasz unsere Hunde die Nachkommen einer einzigen ausgestorbenen Art sind. Auf der andern Seite gehen einige Autoren so weit, zu behaupten, dasz jede Haupt-Rasse ihren wilden Stammvater gehabt haben müsse. Diese letztere Ansicht ist auszerordentlich unwahrscheinlich; sie läszt der Abänderung keinen Spielraum, läszt den fast monströsen Character einiger Zuchtrassen unberücksichtigt, und nimmt fast mit Nothwendigkeit an, dasz eine grosze Zahl von Arten seit der Zeit ausgestorben ist, seit welcher der Mensch den Hund zähmte, während wir doch offenbar sehen, dasz wilde Glieder der Hundefamilie nur mit groszen Schwierigkeiten durch den Einflusz des Menschen ausgerottet werden. So existirte selbst 1710 noch der Wolf auf einer so kleinen Insel wie Irland ist.

 

Die Gründe, welche verschiedene Autoren zu der Annahme führten, dasz unsere Hunde von mehr als einer wilden Art abstammen, sind die folgenden: erstens die groszen Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Zuchtrassen. Doch wird dies verhältnismäszig weniger Gewicht haben, wenn wir gesehen haben werden, wie grosz die Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rassen mehrerer domesticirter Thiere sind, welche sicher von einer einzigen Stammform abstammen. Von gröszerer Bedeutung ist zweitens die Thatsache, dasz in den ältesten bekannten historischen Zeiten mehrere Rassen von Hunden existirten, welche einander sehr unähnlich, aber jetzt noch lebenden Rassen sehr ähnlich oder mit diesen gar identisch sind. (…)

 

Wir sehen hieraus, dasz in einer 4–5 000 Jahre zurückliegenden Zeit verschiedene Rassen existirten, nämlich Pariahunde, Windspiele, gewöhnliche Parforcehunde, Doggen, Haushunde, Schoszhunde und Dachshunde, welche mehr oder weniger unseren jetzigen Rassen glichen. Wir haben aber keinen hinreichenden Beweis dafür, dasz irgend einer dieser alten Hunde denselben identischen Subvarietäten angehörte, wie unsere jetzigen Hunde. So lange man annahm, dasz der Mensch nur ungefähr 6 000 Jahre auf der Erde existire, war diese Thatsache von den groszen Verschiedenheiten der Rassen zu einer so frühen Zeit ein schwer wiegender Beweis dafür, dasz dieselben von mehreren wilden Quellen ausgiengen; denn es würde nicht hinreichende Zeit zu ihrer Divergenz und Modification dagewesen sein. Seitdem wir aber durch die Entdeckung von Flintgeräthschaften mit Überbleibseln ausgestorbener Thiere in denselben Districten, welche inzwischen grosze geographische Veränderungen erlitten haben, wissen, dasz der Mensch eine unvergleichlich längere Zeit existirt hat, und wenn wir im Auge behalten, dasz selbst die barbarischsten Nationen Haushunde besitzen, so verliert der von der unzureichenden Zeit hergenommene Beweis sehr viel an Gewicht.

 

Der Hund war lange vor der Periode irgend welcher historischer Urkunden in Europa domesticirt. In den dänischen Küchenhaufen der neueren Steinzeit sind die Knochen eines hundeartigen Thieres enthalten, und STEENSTRUP schlieszt mit Scharfsinn, dasz diese einem Haushunde angehörten; denn eine verhältnismäszig sehr grosze Menge der in diesen Abfallhaufen enthaltenen Vogelknochen sind lange Knochen, welche, wie man durch Versuche fand, Hunde nicht verschlingen können. Diesem alten Hunde folgte in Dänemark während der Bronzezeit eine gröszere Art, welche gewisse Verschiedenheiten darbot und dieser wiederum während der Eisenzeit eine noch gröszere Art. Wir hören von RÜTIMEYER, dasz in der Schweiz während der neueren Steinperiode ein mittelgroszer domesticirter Hund existirt hat, welcher in seinem Schädel ziemlich gleich weit vom Wolf und Schakal entfernt war und gewisse Charactere unserer Jagd- und Wachtelhunde hatte. RÜTIMEYER betont sehr stark die Constanz der Form, welche dieser älteste bekannte Hund eine lange Zeit hindurch bewahrt hat. Während der Bronzeperiode erschien ein groszer Hund und dieser glich in seinen Kinnladen einem Hunde von demselben Alter in Dänemark. SCHMERLING fand Überbleibsel von zwei merklich verschiedenen Hundevarietäten in einer Höhle; ihr Alter kann aber nicht positiv bestimmt werden.

 

Charles Darwin: Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. Band 1. Stuttgart 1878, S. 15–19

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