zur Startseite

Aggression

1. EINLEITUNG  Aggression (lateinisch aggressio: Angriff), Verhaltensweise, bei der ein Lebewesen ein anderes bedroht oder angreift. Es gibt zwei grundlegende Formen der Aggression. Die eine besteht im Konflikt zwischen Angehörigen verschiedener Arten, sie heißt zwischenartliche oder interspezifische Aggression. Dazu gehören Beutefang, Verteidigung und Angriffsverhalten, das bei Konkurrenz um Ressourcen wie Nahrung oder Wasser auftritt. Diese Form der Aggression beinhaltet in der Regel kein Verhalten, das man als „Ärger" oder „Wut" deuten könnte: Sie ist Teil des Beuteerwerbs und der Sicherung des Überlebens.


Interessanter ist die zweite Art der Aggression, die man innerartlich oder intraspezifisch nennt; sie richtet sich gegen Artgenossen. Intraspezifische Aggression beobachtet man bei praktisch allen Wirbeltieren. Fische verhaken ihre Kiefer ineinander oder schnappen nach dem Gegner; Vögel attackieren einander mit Krallen oder Schnäbeln, Ratten umklammern ihren Kontrahenten, treten oder beißen ihn, und Stiere, Schafe und Ziegen stoßen die Köpfe gegeneinander. Auf welche Weise Kämpfe durchgeführt werden (bei denen es meistens um knappe Ressourcen wie Nahrung geht), ist in den Genen der jeweiligen Spezies programmiert. Zu innerartlichen Aggressionen kommt es, weil Angehörige einer Tierart sehr ähnliche Bedürfnisse haben und deshalb untereinander in unmittelbarer Konkurrenz um Nahrung, Paarungspartner und Lebensraum stehen. Die Form des Angriffsverhaltens ist im Wesentlichen abhängig von den Risiken und möglichen Vorteilen, die sich aus aggressiven Begegnungen ergeben.


Manche Tiere, beispielsweise männliche See-Elefanten, kämpfen auf Leben und Tod um ihren Harem. Eine Niederlage des Bullen ist für ihn – evolutionsbiologisch gesehen – gleichbedeutend mit „genetischem Selbstmord": Nur Tiere, die sich erfolgreich fortpflanzen, erreichen das für sie überaus wichtige Ziel, auch in künftigen Generationen mit Kopien eigener Gene repräsentiert zu sein; dieses Ziel ist allen Lebewesen durch die Selektion vorgegeben. Die Männchen des amerikanischen Wapiti fechten mit ihren Geweihen Konflikte aus. Ist einer der Hirsche erschöpft, zieht er sich zurück: Schließlich hat er die Aussicht, in der nächsten Paarungssaison erfolgreicher zu sein. Das Geweih dient nicht dazu, den Gegner zu verletzen; am Ende der Paarungszeit wird es abgeworfen. Innerartliche Aggression läuft meist in dieser Form ab und führt kaum zu nennenswerten körperlichen Schäden.

2. GRENZEN DER AGGRESSION  
Da Kämpfe gefährlich sind und ernsthafte Verletzungen oder gar den Tod zur Folge haben können, sorgen Evolutionsmechanismen dafür, dass intraspezifische Aggression zumeist in ihrem Ausmaß begrenzt bleibt. Eine Möglichkeit, um Aggressionen nicht ausufern zu lassen, ist das genetisch fixierte Bestreben, Reviere festzulegen. Auf diese Weise beschränken sich Konflikte meist auf gelegentliche Scharmützel an den Reviergrenzen. Eine weitere genetisch programmierte Entschärfung von Auseinandersetzungen besteht in der Ritualisierung aggressiven Verhaltens. Giftschlangen kämpfen gegeneinander, ohne ihre Giftzähne einzusetzen; Dickhornschafe schlagen ihre gut gepanzerten Köpfe gegeneinander, wobei es nicht zu Verletzungen kommt; manche Echsen entfalten als Drohgebärde eine Hautfalte am Hals; und Affen rütteln an Zweigen, gestikulieren und schreien Furcht erregend.

Ritualisierte Kämpfe haben nicht nur für Verlierer erhebliche Vorteile: Käme es zu einem Beschädigungskampf, hätte auch der sichere Gewinner viel zu verlieren, wenn er im Kampf verletzt würde. Denn ein verletzter oder erschöpfter Sieger ist möglicherweise nicht mehr in der Lage, den nächsten Gegner zu unterwerfen, oder er könnte für Räuber zu einer leichten Beute werden. Deshalb gibt es bei den meisten Tieren eindeutige Signale, mit denen der Unterlegene seine Unterwerfung anzeigt. So endet der Kampf, bevor es zu Verletzungen kommt: Echsen ducken sich; Buntbarsche ziehen die Flossen zurück; Stichlinge nehmen eine senkrechte Stellung ein; Hunde präsentieren ihre Kehle; und Möwen bieten dem Gegner die ungeschützte Rückseite des Halses dar. Alle diese Verhaltensweisen signalisieren das Eingeständnis der Niederlage und bewirken, dass die Aggression sofort aufhört.


Mit den biologischen Ursachen der Aggression befasste sich der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz in seinem berühmten Buch Das so genannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression (Neuauflage 1988). Lorenz geht von einem angeborenen Aggressionsinstinkt aus, der beim Menschen ebenso vorhanden ist wie im Tierreich und bei diesem vergleichbare Funktionen erfüllt – etwa die Aufteilung des Lebensraumes oder den Aufbau einer Rangordnung. Kritiker bestreiten allerdings, daß es beim Menschen einen derartigen Aggressionsinstinkt gibt.

3. AGGRESSION BEIM MENSCHEN  Beim Menschen kann Aggression gegen andere Personen, gegen sich selbst (siehe unten: Autoaggression) oder gegen Sachen gerichtet sein. Menschliche Aggression äußert sich verbal, in Gestik oder Mimik oder als körperliche Gewalt. Es ist möglich, daß Aggressivität, also die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten, durch Streß, Frustration (z. B. Enttäuschung oder Minderwertigkeitsgefühle) oder politische Propaganda gefördert wird. Aggression kann verdrängt, also ins Unbewußte abgedrängt werden (wo sie weiter wirksam ist), oder sie kann sich gegen ein Ersatzobjekt richten, an dem der Aggressionsimpuls risikolos abreagiert wird.


Eine Aggressionstheorie besagt, dass erlernte Erfahrungen ein wichtiger Faktor für aggressives Verhalten beim Menschen sind. Wenn beispielsweise eine persönliche Beleidigung, eine Gefährdung der sozialen Stellung oder eine Bedrohung durch Waffen aggressives Verhalten auslösen, liegen dieser Theorie entsprechend erlernte Ursachen zugrunde. Eine solche alarmierende Situation führt möglicherweise zu einer stark emotional geprägten Reaktion, die man als Affekt bezeichnet. Eine Affektsituation geht mit körperlichen Symptomen wie gesteigerter Herzschlagfrequenz einher und kann als „Kurzschlussreaktion" eine unkontrollierte aggressive Handlung zur Folge haben.

Aggressive Handlungen sind oft von Erfolg gekrönt – der Aggressor wird also belohnt –, so dass diese nach Möglichkeit wiederholt werden. Kinder lernen beispielsweise, dass sie durch Aggression den Besitz von Spielzeug oder die Aufmerksamkeit der Eltern erreichen können, und sie beobachten aggressives Verhalten bei anderen. Im gewalttätigen Verhalten mancher Jugendbanden finden deren jüngere Mitglieder Vorbilder für die eigene Aggression. Kinder, die von den Eltern mit körperlicher Gewalt diszipliniert werden, wenden häufiger im Umgang mit anderen auch selbst Gewalt an –, und Eltern, die ihre Kinder misshandeln, wurden zumeist in ihrer Kindheit selbst misshandelt. Welchen Einfluss die Massenmedien und insbesondere das Fernsehen auf aggressives Verhalten haben, ist nicht genau geklärt, aber manchen Forschungsergebnissen zufolge neigen Kinder, die Gewalt im Film gesehen haben, anschließend selbst zur Aggression. Der aus Österreich stammende amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Friedrich Hacker stellte in seinem Werk Aggression. Die Brutalisierung der modernen Welt (1988), Gewalt in der Massengesellschaft dar.


Eine wichtige Aufgabe der Pädagogik besteht darin, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln (beispielsweise durch Training nicht aggressiver Verhaltensformen), wie sie mit der eigenen Aggression umgehen sollten. In der Psychoanalyse wird als Ursache der Aggression eine einheitliche Antriebsquelle angenommen: Sigmund Freud sah die Aggression als Trieb, und für Alfred Adler drückt sich durch Aggression Machtwille aus. Eine gegen die eigene Person gerichtete Form der Aggression ist die Autoaggression, die in ihrer extremen Form zum Suizid (Selbstmord) führen kann. Psychologen deuten Autoaggression als eine ursprünglich gegen die Umwelt gerichtete Aggression, die sich auf dem Wege der Verdrängung (oft verursacht durch eine seelische Störung) gegen die eigene Person richtet.


Verhaltensforschung; Soziobiologie; Psychologie

zurück zu Revierverhalten